Ben Bergner

Willkommen auf meinem Blog.

Ik begrijp jou niet *

Posted on 04 Feb 2013 in Uncategorized | 0 comments

Nuki steht der Schweiß auf der Stirn. Mijn lief muss telefonieren, denn unsere Spülmaschine ist kaputt. Sie möchte einen Termin mit einem Installateur ausmachen. Nuki hasst Hotlines – vor allem, wenn eine deutsche Call-Center-Mitarbeiterin am Telefon ist. Meine bessere Hälfte hat doppeltes Pech. Es ist eine deutsche Call-Center-Mitarbeiterin aus einer Telefonhöllenzentrale in München am Apparat – der Stadt mit extrem durchschnittlich freundlichen Menschen auf diesem Planeten. Nuki ist Managerin, trägt die Verantwortung für einen dreistelligen Millionenbetrag und somit für viele Jobs in ihrer Firma. Sie ist Mutter, arbeitet ehrenamtlich und spendet pro Jahr um die 500 Euro für gemeinnützige Vereine. Außerdem ist sie sehr empathisch. Das alles spielt bei einem Gespräch mit einer bayerischen Callcenter-Agentin keine Rolle. Denn Nukis Deutsch ist ausbaufähig, vorsichtig formuliert. „Herzlich Willkommen im Technik-Kundencenter. Mein Name ist Barbara Huber! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Hoi, meine Name ist Anouk Bergner. Meiner Spülmaschine macht nicht mehr sauber. Können Sie jemand schicken?“
Auch wenn Nukis Deutsch gewöhnungsbedürftig ist, man könnte sie verstehen – wenn man wollte. Babbelbabsi am anderen Ende der Leitung will aber gar nicht. Sie möchte sich über meine bessere Hälfte lustig machen.
„Das tut mir leid, Frau Bergner! Ich versuche Ihnen gerne zu helfen. Aber was macht ihre Spülmaschine denn falsch?“ Babbelbasi giggelt. Leise, aber deutlich vernehmbar.
Wenn ich unterwegs bin und Nuki Dinge selbst regeln muss, ob am Telefon oder bei einer Behörde, fühlt sie sich wie Aische aus Anatolien, die an ihrem ersten Tag in Deutschland Asyl beantragen muss. Aische und Nuki teilen dasselbe Schicksal. Sie werden nicht ernst genommen und meist Zielscheibe von Hohn und Spott. Freundliches erfährt sie meist nur von Menschen, die selbst fremd in München sind.
Sprachlich gesehen hat Nuki den Status einer Vierjährigen. Sie verwechselt Dir und Dich, Ihnen und Sie, Ihr und Euch. Wenn sie mit ihrem Holland-Deutsch in einem indischen Imbiss etwas zu essen bestellt, bekommt sie das charmanteste Lächeln. 99 Prozent des Bedienungspersonals streicheln ihr dann gerne über den Kopf und drücken ihr einen Lolli in den Mund, so putzig finden sie Sätze wie „Kann ich von Dich noch eine Cola kriegen? … Machst Du mich bitte zwei Mal scharf … Der Rest ist für Ihnen! … Wenn ich Dich wäre …“. Es hat so einen Niedlichkeitsfaktor, wenn mijn lief Deutsch spricht. Wenn Seppi, Schorschi, Hansi & Co. so mit den Jungs hinter der Theke sprechen, werden sie gar nicht beachtet. Nukis Hartz IV-Deutsch kommt überall super an. Nur eben nicht bei Behörden und Call-Center-Agenten. Hier haben Seppi, Schorschi und Hansi eindeutig einen Vorteil. Warum kann Babbelbabsi auch nicht aus Indien kommen? Das Telefonat mit der Hotline-Mitarbeiterin nimmt auch im weiteren Verlauf kein Happy-End.
„Ich weiß nicht, so ein Shower-und einer Brush-Symbol stehen in die Display.“, verhaspelt sich Nuki im Gespräch. Nuki verfällt im Alltag und im Job gerne in Anglizismen. Als Managerin redet sie mit ihren internationalen Kunden hauptsächlich sowieso Englisch. Hätte sie das nur auch mit Spülmaschinen-Barbara gemacht.
„Sie sehen also zwei Reinigungssymbole. In welcher Leiste?“, kommt es kühl vom anderen Ende zurück.
„Wie meinst Du das?“, will Nuki wissen. Holländer duzen gerne, was ihr aber bei der Callcenter-Mitarbeiterin definitiv keine Pluspunkte einbringt.
„Ein Service-Mitarbeiter muss bei Ihnen vorbeischauen!“
„Gelukkig! Wann kann die Mann vorbeikommen?“
„Donnerstag in zwei Wochen!“
„In zwei Wochen??? Kann die Techniker nicht früher?“
„Leider nein! Es ist der früheste Termin!“
War es natürlich nicht. Weil Nuki wutentbrannt aufgelegt hat, musste ich am nächsten Tag anrufen. Zwei Tage später lief die Spülmaschine wieder. Seitdem spricht Nuki mit meisten Deutschen nur noch holländisch. Konsequent und ohne Ausnahme. Sie dreht den Spieß einfach um. Auf der Straße, im Geschäft, am Telefon und am liebsten bei Park- und Verkehrskontrollen, kommt nur noch ein Satz von ihr. „Ik begrijp jou niet!“ (Ich verstehe Sie nicht!) Natürlich setzt mijn lief dann ihr süßestes Lächeln auf. Nuki kommt damit immer durch. Nur einen Lolli hat ihr noch niemand in den Mund gesteckt.

* „Ich verstehe Sie nicht!“

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.