Ben Bergner

Willkommen auf meinem Blog.

Urlaub auf Holländisch

Posted on 12 Aug 2013 in Uncategorized | 0 comments

Nuki lacht mich aus. Wie immer! Es ist kurz vor sieben. Ben Junior ist schon seit über einer Stunde wach. Mijn lief und ich haben schon Kaffee getrunken, uns gestritten, wieder versöhnt und sind angezogen. Es ist Sommer und wir machen Urlaub an der holländischen Nordseeküste.

Während Nuki das Frühstück vorbereitet, gehe ich frische broodjes holen und will am Strand Liegen reservieren. Es mag ja sein, dass ‚wir Holländer sind‘, wie mijn lief immer betont, aber ich bin Deutscher. Und wir Deutsche reservieren nun mal morgens mit einem Handtuch unsere Liege. Ich will einen 1A-Platz am Strand, den besten überhaupt.

Ich bin zum ersten Mal an der holländischen Nordseeküste. Am Vorabend sind wir im Dunkeln angekommen. Wir haben ein Chalet auf einem Campingplatz gebucht. Den Strand habe ich noch nicht gesehen. Als ich mir drei Handtücher schnappe, lacht mich Nuki immer noch aus.

Schatje, wir sind hier in Holland. Hier kannst Du Dich keine Liegen reservieren!“, versucht sie mich von meiner Mission abzuhalten.

„Nuki, ich will in der ersten Reihe liegen, direkt am Meer.“

„Aber schatje, das macht überhaupt keine Sinn! Hier gibt es genug Platz für alle. Du brauchst Dich nichts zu reservieren.“

„Und was bitte verstehst Du unter genug Platz, Nuki?“

„Wie viel möchtest Du, schatje? 50 Meter, 100 Meter? Kein Problem!“

Ich stapfe mit einem Berg von Handtüchern los zum Strand. Auf dem Weg zum Meer, muss ich zunächst über einen ein Kilometer langen Schotterweg. Dann geht es die Dünen bergauf. Das Meer kann ich noch nicht sehen. Aber es wird zunehmend windiger. Vielleicht hätte ich noch mehr Handtücher mitnehmen sollen, um dann nachher eine winddichte Liegenburg rund um die Plätze zu bauen, auf denen Ben Junior, Nuki und ich uns in der Sonne aalen. Ich höre schon das Rauschen und bin mir ganz sicher, dass ich super Plätze bekommen werde. Außer mir war niemand unterwegs. Keine Menschenseele! Endlich kann ich das Meer sehen. Die Wellen sind ganz schön hoch. Donnerwetter und der Strand erst. Super. Und vor allem vollkommen leer. Schlappe 150 Meter breit und endlos lang. Menschen und Liegen Fehlanzeige! Totale Leere! Ich weiß jetzt, warum Nuki mich ausgelacht hat. Hier gibt es nichts zu reservieren, weil es keine Liegen gibt und der Strand breiter als ein Fußballfeld ist. Theoretisch das Paradies für einen Misanthropen wie mich. Aber was bitte mache ich jetzt mit den Handtüchern. Und warum habe ich bloß keine Jacke angezogen. Vor dem Bungalow waren es mindestens siebzehn Grad. Jetzt bei Windstärke fünf am Strand fühlt es sich an wie elf Grad. Wenn überhaupt!

Ich binde mir ein Handtuch um die Hüften, damit ich an den Oberschenkeln nicht mehr friere und lege ein weiteres um meine Schultern. Ich ziehe die Enden notdürftig zusammen, damit der Wind das Handtuch nicht einfach weg weht. Mir ist kalt! Dann doch lieber Italien! Vorreserviert, schön eng auf eng, aber lecker warm! Was mache ich jetzt mit den blöden Handtüchern? Ich könnte mir einen windstillen Platz in den Dünen suchen und den mit den Handtüchern reservieren. Aber was, wenn ein Spaziergänger vorbei kommt und die Handtücher klaut. Sehen die Handtücher deutsch aus? Dann werden sie auf jeden Fall gestohlen! Ich gehe durch die Dünen und finde einen schönen windstillen Platz. Wenn man steht, sieht man das Meer. Wenn man liegt, merkt man überhaupt nichts vom Wind! Super! Ich lege die Handtücher  hin. Ein rotes, ein weißes und ein blaues! Na bitte! Übereinander gelegt, sehen sie aus wie die Nationalflagge der Niederlande. Ein Hauch holländischer Patriotismus überkommt mich. Aber sind die nach dem Frühstück auch noch da, wenn ich die hier liegen lasse! Das neue Nationalgefühl geht, die Skepsis kommt. Mit Handtüchern Plätze am Strand reservieren, ist einfach zu Deutsch! Also hebe ich die Handtücher wieder auf, schüttele den Sand aus und nehme sie wieder mit. Vielleicht gehen Nuki, Ben Junior und ich überhaupt nicht zum Strand. Es ist bitterkalt. Scheiß Wind, scheiß Strand, scheiß Urlaub! Ich mache mich auf den Weg zurück zum Bungalow. Dann reserviere ich eben Liegen am Pool. Langsam werden fünf Handtücher ohne Tasche nur so in der Hand echt schwer. Ein Kilometer hin, ein Kilometer zurück. Ich latsche durchs Bungalowferiendorf. Nirgendwo ein Pool! Ein Spielplatz, zwei als Restaurant getarnte Pommesbuden, ein Supermarkt, eine Indoorerlebniswelt und eine Informationshalle. Ich gehe zum Schalter und habe ausnahmsweise mal Glück. Daan spricht Deutsch.

Goedemorgen! Ich suche den Pool!“

„Direkt gegenüber, aus der Tür raus, gerade aus in die Indoorerlebniswelt!“, schallt es mir mit professioneller holländischer Freundlichkeit entgegen.

„Und der Pool draußen?“

„Wir haben kein Außenschwimmbecken! Das tut mir leid, mijnheer!“

„Aber wir haben doch Sommer!“

„Ja, aber wir haben das ganze Jahr geöffnet und da ist doch ein Hallenbad viel praktischer, mijnheer!“

„Und ist da wenigstens ein kleines Außenbecken angeschlossen? Mit so einem klitzekleinen Außenbereich?

„Nein, mijnheer. Wenn sie draußen schwimmen wollen, müssen sie zum Strand. Die Wasserqualität im Meer ist dieses Jahr noch besser als in den vergangenen Jahren!“

„Ich komme gerade vom Strand. Es ist zu kalt, um dort zu liegen oder zu schwimmen!“

„Dafür haben wir ja an diesen Tagen das Hallenbad, mijnheer!“

Ahhh, was ist das für eine Logik! Es ist Sommer, es ist Juli, es ist Freibadsaison. Ich habe die Nase voll von Daans professioneller Freundlichkeit, verdrehe die Augen, schaue genervt. Mein Unverständnis ist mir deutlich anzumerken und würde in Deutschland zu einer endlosen Entschuldigungsarie des Personals führen. Dampf ablassen erzielt aber in Holland nicht die gewünschte Wirkung, um sich in seiner Enttäuschung einfach mal besser zu fühlen. Meine Wut prallt an Daans Lächeln einfach ab.

„Ganz ehrlich, mijnheer. Alle unsere holländischen Gäste gehen bei so einem Wetter an den Strand. Wir bekommen heute lekkere 21 Grad. Topwert in diesem Monat. Heute wird es richtig warm.“

Ich kann es nicht fassen. Das ist also der holländische Sommer am Meer. 21 Grad. O.K., heute haben wir mal wenigstens so etwas wie ein Wetter. Immerhin! Ich verabschiede mich grußlos von Daan und verlasse das Infohäuschen. Ich gehe ins Hallenbad, dessen Benutzung kostenlos ist. Es ist neun Uhr! Außer mir ist noch niemand hier. Ich lege meine fünf Handtücher auf die weißen Kunststoffliegen und mache mich auf den Weg zum Bäcker, kaufe frische broodjes und kehre zurück in die Schuhkartonbungalowsiedlung. Mijn lief wartet schon auf mich.

„Und schatje, warst Du erfolgreich?“, grinst Nuki mich an.

„Natürlich, mijn lief!“, grinse ich zurück. „Fünf Liegen exklusiv in erster Reihe!“

„Super, schatje! Wo denn?“

„Im Hallenbad!“

„Im Hallenbad? Heute soll die schönste Tag von die Woche werden. 21 Grad! Da gehen wir doch nicht in der Indoorerlebniswelt, schatje! Da gehen wir an die Strand. Die Wasser hat auch schon 17 Grad!“

„Nuki, das ist doch kein Badewetter! Und bei 17 Grad geht doch kein Mensch ins Wasser.“

„Doch Gab, wir gehen alle ins Wasser. Alle Holländer werden heute an die Strand sein und schwimmen gehen und wir auch. Außer Du möchtest alleine im Hallenbad sein und mal wieder deine Misanthropenleidenschaft frönen. Aber Du wirst doch dein Familie nicht alleine an die Meer gehen lassen, oder mijn lief? Außerdem kommt nachher noch mein Bruder mit die Kinder! Heute wird nicht nur die wärmste Tag, sondern auch die gezelligste dag von dem ganzen Urlaub!“ Nuki schaut mich erwartungsvoll an und lässt Ben Junior an einem Stück Gouda mümmeln. „Wat leuk! Een geweldige, prachtige en hele mooie vakantie, mijn klein schatje!“ Nuki zwickt Ben Junior in die Backe.

Ja ganz großartig, supertoll und wunderschön unser Nordseeurlaub! Nuki stellt mich mal wieder vor vollendete Tatsachen. Was soll ich jetzt noch machen? Gehe ich wirklich alleine ins Hallenbad, bin ich vor Familie und den anderen Urlaubern ein Rabenvater und Superlutscher. Ich hätte die Handtücher am Strand liegen lassen, dann hätten wir wenigstens super Plätze in den Dünen.

Um elf Uhr rückt das Überfallkommando an! Anouks Bruder Hein, seine Frau Fraukje und die vier Kinder Minke, Yolanda Henrike und Huibert stürmen unseren Bungalow! Nuki knutscht alle überschwänglich, Ben Junior schreit hysterisch und auch ich bin total froh. Während ich eine dicke weiße Mütze auf dem Kopf und einen von Nukis rosa Sommerschals um den Hals gebunden habe, sehen die anderen aus, als ob wir auf Aruba, einer ehemals holländischen Kolonie in der Karibik Urlaub machen würden. Minke , Yolanda und Henrike tragen einen Bikini, darüber nur ein dünnes T-Shirt. Huibert watschelt sogar mit nacktem Oberkörper zum Strand. Alle in oranje Clocks und natürlich käseweißen Armen und Beinen. Ben Junior zappelt bei Nuki auf dem Arm und will auch sein T-Shirt ausziehen.

„Und Gab! Warst Du schon schwimmen?“, provoziert Hein meine schlechte Laune. „Als ich so alt wie Huibert war, bin ich immer gleich nach dem Aufstehen zum Strand gelaufen und habe mich erst mal eine Runde in die Wellen gestürzt! Heerlijk!“

„Ich bin ein bisschen erkältet, Hein! Ich finde es auch noch ein bisschen frisch!“

„Das ist doch nicht frisch! Viel wärmer als heute wird es nie im Sommer in Holland! Als wir vorhin ankamen, waren es schon 20 Grad!“

Toll! Also zumindest schwitzt man im holländischen Sommer nicht. Das ist doch auch schon mal was!

„Aber Du gehst nachher schon ins Wasser, Gab! Das härtet ab. So ein kleiner Schnupfen! Das Meerwasser wird Dir gut tun.“, lässt Hein nicht locker!

„Wir schauen mal Hein!“, mischt sich Nuki wieder ein. „Wenn alle gehen, dann schon!“

Nuki und der holländische Gruppenzwang! ‚Wenn alle gehen, dann schon.‘. Wie ich das liebe!

Als wir die Dünenkuppe erreichen, schwant mir nichts Gutes für den heutigen Tag, denn mijn lief hat natürlich wie immer recht. Alle Urlauber der Ferienanlage sind am Strand und  I M            M E E R.  Das Thermometer der Strandbar zeigt 19,5 Grad an. Es ist Sommer und ich friere. Minke, Yolanda, Henrike und Huibert lassen die Strandtaschen fallen, reißen sich die T-Shirts vom Leib und rennen nur mit Luftmatratze und Schwimmflügeln bewaffnet in einem Affentempo die 150 Meter bis zum Wasser. Auch Hein zieht sich blitzschnell aus und rast mit seinem käseweißen und nicht eingecremten 100 Kilo Körper den Kids hinterher.

„Los, Gab, kom op!“, fordert mich auch Schwägerin Fraukje auf.

Gezellig!“, sagt Nuki. „Du kannst mit Fraukje schon vor. Ich breite noch der Handtücher aus und ziehe Ben Junior eine Badehose an. Dann komme ich vor!“

„Bist Du wahnsinnig? Ben Junior kriegt eine Lungenentzündung!“

„Ach so eine Quatsch. Wir sind als ganz kleine kindjes bei jedem Wind und Wetter ins Wasser gegangen. Und wir waren nie nur ein bisschen krank. Das härtet ab! Du wirst schon schauen. Morgen ist Deine Schnupfen weg! Los schatje!“

„Nuki, Ben Junior ist viel zu klein! Er wird sich den Tod holen! Er geht auf gar keinen Fall ins Wasser!“

„Gab, Ben Junior geht auf jeden Fall mit seine Cousins und Cousinen ins Wasser, weil das immer schon so war. Wir sind Holländer und werden  nicht krank. Es ist lekker warm und die Seeluft tut Dich und mich und allen gut.“

Natürlich zieht Nuki unseren Sohn um, legt ihr Sommerkleid ab und wackelt im Bikini zum Meer. Sie übergibt Ben Junior an Fraukje und taucht mit einem beherzten Sprung in die Fluten der Nordsee. Alle sind jetzt im Wasser, nur ich stehe mal wieder als Weichei dar. Ein Weichei mit kurzer Hose, rosa Schal und weißer Wollmütze. Alle blöken und schreien durcheinander. Ich gehe einen Schritt nach vorne. Eine Welle erwischt meine Füße. So muss Urlaub am Nordpol sein. Eigentlich fehlen nur noch Eisschollen, Robben, ein paar Eskimos und Schlittenhunde. Meine holländische Verwandtschaft kommt mir vor wie diese russischen Irren, die immer an Neujahr mit einem Sprung in  einen zugefrorenen Fluss das neue Jahr begrüßen und in jede Kamera betonen, wie sehr sie das abhärten würde. Hätte ich eine russische Frau würde ich im Sommer an der Wolga stehen und es hätte 35 Grad. Ich würde schwitzen, Wodka trinken und Svetlana würde machen, was ich sage. Meine Svetlana aber heißt Anouk, lacht mich aus, und schreibt mir vor, was  w i r  machen.

„Kom op, Gab! Doe niet zo ongezellig!“, ruft mir Nuki auf Holländisch zu. Ich soll kein Spielverderber sein. Wenn meine Theorie aufgeht und morgen alle erkältet sind und ich als Einziger gesund bin, muss ich mich um alle kümmern. Das ist auch wenig verlockend. Also doch besser ins Wasser gehen. Henrike nimmt mir die Entscheidung ab. Sie hat einen Strandeimer mit Wasser gefüllt und sich in einem unbeobachteten Moment von hinten angeschlichen. Mit einem großen Schwung bekomme ich eine große Ladung eiskaltes, salziges Nordseewasser ins Gesicht und auf meine Klamotten und bin zur Freude von Hein, Fraukje, Nuki und den Kids klatschnass.

„Gab, Du kommst sofort in die Meer, jetzt! Mit den feuchten Sachen holst Du Dich draußen einen Mord.“, schreibt Nuki mir mal wieder vor, was das Beste für mich ist. Unter großem Applaus der anderen gehe ich ins Wasser. Um es kurz zu machen, ich habe mir zehn Minuten den Arsch abgefroren und wir sind dann alle 150 Meter pudelnass zu den Handtüchern zurückgelaufen. Da wird einem dann aber auch nicht so richtig warm, obwohl wir alle echt schnell gerannt sind. Ich war Erster, obwohl ich Ben Junior auf dem Arm hatte, so kalt war mir. Danach gab es heiße Schokolade für mich und die Kinder an der Strandbar. Hein, Fraukje und Nuki haben ein eiskaltes Heineken getrunken. Gezellig!

Für mich war der Urlaub dann aber zu Ende. Nuki hatte Recht. Der Schnupfen war ganz schnell weg, dafür hatte ich dann eine veritable Lungenentzündung, die mich für den Rest der Ferien außer Gefecht setzt.

 

 

Mehr über  meine vollkommen durchgeknallte holländische Verwandtschaft in meinem neuen Roman ‚Das Leben ist eine Windmühle – Neues von Frau Antje ihrer Familie!‘

 

http://www.amazon.de/Das-Leben-ist-eine-Windm%C3%BChle/dp/3784433383/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1376252288&sr=8-2&keywords=Ben+BErgner

oder

http://www.herbig.net/neuerscheinungen/detailview/product/neuerscheinungen-1/das-leben-ist-eine-windmuehle.html

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.